Aber das ist doch Natur!

Ein Argument, das mir immer und immer wieder begegnet. Das mich inzwischen nur noch nervt und mich frustriert. Und dem ich doch ziemlich hilflos gegenüberstehe, will ich keine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen:

Als Argument gegen gewollte Kinderlosigkeit – „aber das ist doch Natur!/das Natürlichste der Welt!“

Um die eigene Homophobie zu bekräftigen – „ist mir ja eigentlich egal, aber das ist gegen die Natur!“

Ganz abgesehen davon, was hier als Natur und was als – ja, als was eigentlich... Unnatur?... Kultur?... – also jedenfalls als irgendwie unnatürlich kategorisiert wird, ist die grundsätzliche Prämisse „Natur ist gut“. Alles was natürlich ist, ist also auch gut. Und alles, was nicht natürlich ist, ist schlecht. Eine ganz einfache Gleichung. Versteht jeder. Und leuchtet jedem ein. Ein Totschlagargument, wie es im Buche steht.

Wuchernde Krebszellen, Tumore und Metastasen sind doch nur Natur!

Bestrahlung, Chemotherapie und Bluttransfusionen auch? Was ist gut – was ist schlecht?

Auto fahren, Flugzeug fliegen – bei aller Liebe, aber moderne Fortbewegungsmittel sind nun wirklich nicht Natur. 

Würde wahrscheinlich niemand bestreiten. Aber benutzt das irgendjemand als Argument gegen Autos und Fliegen? („Ich gehe nur zu Fuß. Fliegen? Nein, danke. Kann von mir aus machen, wer will, aber es ist doch einfach gegen die Natur!“)

Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Wir nehmen ein unglaublich komplexes und vielschichtiges Argument (was ist überhaupt Natur), brechen es runter auf eine – vorsichtig formuliert – hinkende Gleichung und benutzen es dann auch nur in den Kontexten, in denen es uns gerade in den Kram passt. Und auf diese Weise konstruieren wir uns ein Weltbild, in dem die eigene Lebensweise, die eigene Meinung, die eigene Anschauung die einzig wahrhaftige ist. Denn sie wird von dem einzig wahren Argument gestützt: „Das ist doch einfach Natur!“
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