Alles ist Accessoire

Was gilt eigentlich als Accessoire? 

Wenn man heutzutage mit offenen Augen durch die Straßen einer deutschen Stadt läuft, fallen einem scharenweise ungewöhnliche Kombinationen von der Mode angepassten Beiwerken auf.
Da sieht man die Schulkids mit Büchern einfach nur unter dem Arm geklemmt zum Bus laufen. Man sieht auch viele Studierende mit Moleskine-Buch und Stift unterwegs auf dem Weg zum nächsten Cafe. Oder Jungs und Mädels mit Skateboard oder Rennrad an der Hand über die Ampel gehen.
Diese ihrer ursprünglichen Verwendung zweckentfremdeten Gegenstände dienen lediglich als Accessoire. Sie vermitteln Weltlichkeit und zum Teil auch Aufstand gegen ihren ursprünglichen Verwendungszweck. Sie vermitteln auch einen Rückgang: weg von der Technik, weg von der Verhüllung und hin zum Minimalismus.
Als ihr Gegenstück springen einem nahezu an jedem dritten Individuum riesige Kopfhörer in den unterschiedlichsten Farben und technisch hochwertigen Ausgaben ins Auge. Ganz abgesehen von ihrer meist hochwertigeren Klangqualität als deren kleine Geschwister, den Ohrsteckern, sind sie hoch individualistisch und setzen vor allem eins: ein Statement. Ich höre gute Musik. Musik ist mir sogar so wichtig, dass der allgemeine Straßenlärm dieser nicht hinzuspielen darf. Ich verstehe außerdem was von Mode.
Auch die Getränkeauswahl der heutigen Städter ist ein Accessoire. Will ich gebildet wirken oder arbeitstüchtig, her mit dem Coffee to go. Will ich sportlich wirken, raus mit der Wasser- oder Apfelschorlenflasche. Oder bin ich heute gar lustig drauf? Dann tut’s die Flasche Bier in der rechten Faust.
Alles ist Accessoire. Was trägst du heute? Augen auf vorm Nach-draußen-lauf. Wir bulben. 


Wie Statement ist ein Tier?

Ein Tier als Accessoire, als modische Zutat zu Brille und Einstecktuch, gleichzusetzen mit leblosen Gegenständen wie Fahrrädern oder Gießkannen – ist das moralisch vertretbar? Und ist es überhaupt nachvollziehbar? Letzteres wohl schon, man denke nur an die liebevoll getragenen Ratten (Punks) oder an einen kräftigen jungen Pitbull (ja, wer eigentlich) und frage sich, ob nicht nur die innige Liebe zum Tier, sondern vielmehr, geschickt kombiniert mit weiteren Accessoires, eine Lebensphilosophie zum Ausdruck gebracht wird. Ja, vielleicht tut es dies sogar in einem viel höheren Maße als ein läppischer, unbelebter Gegenstand, den nun wirklich jeder trägt, der tot und charakterlos in der Hand getragen oder um den Hals gelegt wird. Ein Tier bietet dagegen eine ganze Persönlichkeit, einen Charakter, der niemals vollständig bezwungen werden kann. Ein Tier unterstützt damit nicht nur ein bestimmtes Lebensgefühl, es ist vielmehr selbst ein Teil dessen, es ist Mitglied der entsprechenden sozialen Gruppe. Sein Herrchen/Frauchen hat einen wertvollen Begleiter, einen Freund, der die eigene Lebensphilosophie sowohl bereichert als auch uneingeschränkt mitträgt. Die Frage nach einer Projektionsfläche stellt sich nur den missgünstigsten Analytikern – in Selbst- und Fremdwahrnehmung scheint die Mensch-Tier Dualität zu einer wunderbaren Einheit zu verschmelzen. 

Das ist auch Accessoire. Wen trägst du heute? Wir bulben.


Mein Mensch/Dein Mensch?

Wenn man heutzutage mit offenen Augen durch die Straßen einer deutschen Stadt läuft, fallen einem scharenweise ungewöhnliche Kombinationen von der Mode angepassten Beiwerken auf.

Da gibt es die blonde Schönheit, die mit ihren langen, glatten Haaren, der Gucci-Tasche am linken Arm und ihren Tommy Hilfiger Ballerinas über den Gehweg schreitet. Als Accessoire trägt sie am rechten Arm ihren kleinen Tommy: ein Kind von drei Jahren, ausgestattet mit Converse der kleinsten Größe, Levis Jeans und Holzfällerhemd. Der Stroller das neuste Modell, das mehr aussieht wie ein teures geschlossenes Rennauto und nicht wie ein Kinderwagen.

Da gibt es drei Herren, alle mit großer Calvin Klein Sonnenbrille und leichtem schwarzhaarigem Dreitagebart, die an einem deutschen Hafen in Nordrhein-Westfalen in einer der angrenzenden offenen Bars sitzen. Alle drei sind ausgestattet mit einem weißen Calvin Klein Shirt unter dem blauen oder schwarzen Hugo Boss Sacko und am rechten Arm mit einer hübschen Frau. Auch diese tragen allesamt ein Hugo Boss Kostüm und eine große Calvin Klein Sonnenbrille. Das Kind auf ihren Schössen gibt dieser Design-Kreation den rechten Schliff.

Da gibt es außerdem die kesse Brünett, sie trägt eine enge Jeans, ein großes Karohemd, blaue Toms und ihre Haare frech oben auf dem Kopf zusammengebunden. Sie hat sich als Accessoire ihr männliches Gegenstück ausgewählt: braune Haare, modischer Schnitt, Dreitagebart, Holzfällerhemd, lässige hochgekrempelte Jeans, gebrauchte schwarze Toms.

Diese Beispiel sind nur einige von Vielen. Und diese Beispiele sollen weder werten noch gar abwerten. Allerdings frage ich mich, seitdem ich mit offenen Augen diese Dinge tagtäglich erspähe: Was sind meine Accessoires? Wähle ich diese aus? Und wenn ja, mit welchen Kriterien? Und schlussendlich, wessen Accessoire bin ich vielleicht?

Bleibt offen und habt eure Augen offen. Wir bulben. 


Wo fängt Accessoire an und wo hört Accessoire auf? 

Einmal mit dem Gedanken begonnen, fällt es schwer, eine sinnvolle Grenze zu ziehen. Zu unseren Jugendzeiten galt es als très chic und absolut gesellschaftsfähig, die Füße beim Stehen und Sitzen nach innen zeigen zu lassen – das Gegenteil von Charlie Chaplin sozusagen. Noch weiter zurückgehend erinnern wir uns an das bezaubernd verschüchterte Lispeln kleiner Kinder (das nicht selten mit dem Wunsch nach einem weiteren Accessoire zusammenhing – der Zahnspange). Bekommt der Mann vor mir wegen eines harten Arbeitstages die Füße nicht von Boden oder bedeutet der schlurfende Gang mehr – ist er vielleicht Ausdruck einer lässigen Lebenseinstellung, will er gegen bestehende Konventionen rebellieren, ist er cool? Und diese jungen Leute: Hat es wirklich eine tiefere Bedeutung, dass sie so sprechen, wie sie sprechen, oder ist es nicht doch einfach Sprachverfall (können die nicht anders und sind vielleicht einfach dumm)? Diese Fragen hat der eine oder die andere wahrscheinlich schon mehr oder weniger heimlich für sich beantwortet. Aber alles gleich als Accessoire ansehen müssen? Müssen muss keiner, doch spricht einiges für die Theorie, das „Darüber hinaus“ als das Accessoire an sich anzusehen. Denn dieses Accessoire geht weit über alles bisher Erörterte hinaus – wir treten raus aus dem Bereich des schnöden Konsums und hinein in einen Bereich persönlicher Handlungsmaximen. Der Träger entschließt sich, sich auf eine ganz bestimmte Weise zu verhalten, damit verkörpert er seine eigene Lebensphilosophie auf die ursprünglichste Weise: nicht durch tote Körper (Gegenstände), nicht durch fremde Körper (Tiere, andere Menschen), sondern durch den eigenen Körper, durch sich selbst. Damit werden Körper und Geist endlich wieder eins – ich bin und ich handle als eigenständige, vereinte Person.

Trag alles, trag dich, trag mich. Trag uns – weiter. Wir bulben.
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