Ansprüche

 

Das Leben in einem freiheitlich-demokratischen Land, das mit vielen individuellen Rechten und sozialstaatlichen Leistungen ausgestattet ist, sollte die besten Voraussetzungen schaffen, sich mit genau den Werten und Grundlagen dieses Landes auseinanderzusetzen, die es zu dem machen, was es ist oder was es zumindest sein sollte. In solch einem Land muss so gut wie niemand um seine Grundbedürfnisse kämpfen, um sein Leben oder seine Freiheit fürchten. Und auch wenn es natürlich jede Menge Einzelschicksale gibt, die jede und jeden treffen können und die es fast unmöglich machen, an etwas anderes als an sich und seine momentane Situation zu denken, so ist doch ein Großteil der Menschen von solchen Situationen gerade nicht betroffen und könnte sich mit Dingen beschäftigen, die über das eigene Individuum hinausgehen und zum Beispiel Fragen der Gesellschaft betreffen.

 

Doch anstatt sich auf die Suche nach dem Überindividuellen zu machen, kreieren wir neue, vielleicht nicht gerade existentielle, aber doch deutlich wahrnehmbare individuelle Probleme, deren Lösung unsere gesamte Aufmerksamkeit verschlingt. Wir verfolgen eine bestimmte Karriere, optimieren unsere sportlichen und gesundheitlichen Leistungen, ästhetisieren und vermarkten unseren Körper und unsere gesamte „Persönlichkeit“ (die zu erschließen schon an sich ein lebenslanges Projekt bedeuten kann). Wir entwickeln unsere Beziehungen, recherchieren und konsumieren wie die Weltmeister für die Entwicklung unserer Kinder und arbeiten und basteln an den Entwürfen eines vermeintlichen Selbst.

 

Die freiheitlich-demokratischen Strukturen unseres Landes betrachten wir bei all der Arbeit an unserem Selbst nicht als Errungenschaften, die es zu verteidigen lohnt, sondern als selbstverständlichen Teil unserer Lebenswirklichkeit, auf die wir eine Art angeborenes Recht haben. Und auf diesen Ansprüchen beharren wir, ohne uns selbst in der Verantwortung zu sehen, ohne aktiv immer wieder für diese Strukturen eintreten und handeln zu wollen. Wenn jemand die Verantwortung für die Strukturen trägt (auf die wir nicht verzichten wollen), dann ist es der Staat. Und der Staat, das sind die anderen, die Politiker, die „Eliten“ oder wer auch immer, aber es sind nicht wir. Wir haben schließlich unsere Schuldigkeit getan, indem wir unsere Steuern zahlen und indem wir geboren wurden.

 

Dabei sind wir selbst es, die genau diesen freiheitlich-demokratischen Staat ausmachen, die ihn gestalten oder auch beerdigen können. Alle sollten die Errungenschaften der freiheitlichen Strukturen anerkennen, ohne dabei die eigene gesellschaftliche Verantwortung aus dem Blick zu verlieren. Vielleicht sollte man nicht so sehr nach seinen Rechten fragen, sondern mehr nach seinen – vielleicht nicht gerade Pflichten – aber nach seinen Möglichkeiten, sich einzubringen. Etwas zu tun. Etwas zu bewirken. Zu handeln.

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