Der genormte Mensch

Die liberalisierte Gesellschaft hat den Begriff des "Normalen" stark verändert und (optimistisch, wie wir sind) bestimmt auch erweitert. Der normale Mensch darf heute so viel wie vielleicht noch nie zuvor: anziehen, was er will (gut, zumindest der weibliche Mensch), lieben, wen und wie viele und auf welche Weise er will, alle Tätigkeiten ausüben, die ihm sinnvoll, kurzweilig oder monetär interessant erscheinen. Es scheint tatsächlich so, dass seine Freiheit erst dort endet, wo die Freiheit von beteiligten Personen beeinträchtigt wird. Eine schöne, nicht grenzenlose, aber sehr weite Welt des Normalen. 

Doch die Grenzen der Freiheit ziehen sich sehr schnell für denjenigen zusammen, der nicht der Norm entspricht. Obwohl also das Normale (im Sinne eines aktiven Lebensentwurfs) stets erweitert wird, ist ein normales Leben für den nicht genormten Menschen oftmals nicht lebbar. Und ist der nicht genormte Mensch damit nicht gleichzeitig auch "nicht normal"? Allein die körperliche Norm eines Menschen erscheint als zum Teil gesetzlich verordnete Normalität, die jeden, der dieser Norm nicht entspricht, als unnormal enttarnt, muss er sich doch nicht normaler Mittel bedienen, um an der Normalität teilhaben zu können. 

Menschen, deren Körper nicht einer festgelegten Standardgröße entsprechen, haben nicht die Freiheit, Kleidung ihrer Wahl zu tragen oder ihre Wohnungen mit Möbeln ihrer Wahl einzurichten. Menschen, deren Beweglichkeit und damit körperliche Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist, haben in der Regel nicht die Freiheit, den Tätigkeiten nachzugehen, die für sie beruflich oder privat erstrebenswert erscheinen. Sie müssen sich häufig mit dem zufrieden geben, das für sie gemacht wurde, über das also andere entschieden haben. Da sie nicht der Norm entsprechen, werden sie ausgeschlossen aus der Welt der normalen Freiheit. 

Aber, sind wir wirklich frei, auch wenn wir der sogenannten Norm entsprechen? Apropos lieben wen man wie will:

Ich habe einst ein Experiment mit einem guten Freund durchgeführt: Wir haben versucht, eine menschliche und romantische Beziehung komplett nach neu definierten Regeln kreiert zu führen. Natürlich ist eine jede Beziehung gewissermaßen neu definiert und immer anders, weil jede Person anders ist und folglich auch jede Personenkonstellation. Was wir allerdings versucht haben, war jede der üblichen Regeln zu hinterfragen. Auch wenn man so verliebt ist, dass man jede Sekunde miteinander verbringen will, muss man sich täglich hören als gutes Paar? Um frei zu sein, sollte jeder Teil der Beziehung ein Individuum bleiben und der/dem anderen das Bestmögliche gönnen. Ist es möglich, eine romantische Beziehung zu führen und so genügsam wie sehr gute Freunde zu sein? Wie bleibt man individuell und spontan und quasi allein mit einem Partner? Ist es möglich, wenn der/die andere mehrere Monate weg ist, jemand anderen zu küssen und offen damit umzugehen? Die Wunschvorstellung war eine tiefe beste Freundschaft und Verbundenheit, alles allein und dennoch zusammen zu erleben und sich von allen positiven und negativen Erlebnissen zu erzählen.

Dieses Experiment hat sich als ungemein wichtige und trotzdem unglaublich schmerzvolle Erfahrung erwiesen. Manche Regeln erschienen uns nach der kritischen Hinterfragung oder besser dem kritischen Erleben als durchaus sinnvoll. Ist es also möglich, sich nicht völlig zu überanstrengen und dabei den Spaß am Leben, die Einfachheit zu verlieren und dennoch die falschen Normen zu erkennen und zu dekonstruieren? Manche Regeln sind gut und sehr wichtig, weil sie unser Leben nicht nur einfacher machen, sondern wir nahezu nicht mehr lebensfähig wären, würden wir alles täglich hinterfragen. Wir denken nicht jeden Tag darüber nach, wie wir die Bäckersfrau grüßen, wie die Gesprächseröffnung mit der Arbeitskollegin gestaltet werden sollte. Wir überlegen uns auch nicht täglich, ob die Regeln, die im Straßenverkehr existieren, sinnvoll sind und ob wir diese befolgen wollen. Welche Normen sind also sinnvoll und welche gilt es zu verändern? 

Es ist durchaus wichtig, Anstrengung nicht zu meiden und überall da, wo es möglich ist, Normen kritisch zu hinterfragen und kreativ zu sein. 

Augen auf und Kopf an – wir bulben.
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