Die rote Ampel

Folgendes Szenario ist leicht vorzustellen: Man läuft durch die Stadt/fährt mit dem Fahrrad/sitzt im Auto und plötzlich - von einem Moment auf den anderen - springt eine Ampel von grün auf rot. Die vorhergehende Fußgängerin/Radfaherin/Autofahrerin hat es gerade noch geschafft - man selbst nicht mehr.

Man hält an. Denn in dem vorgestellten Szenario handelt es sich nicht um eine kleine Ampel an einer Nebenstraße, die zumindest die Fußgängerin und Radfahrerin auch bei rot queren würden, sondern um eine Ampel an einer Kreuzung viel befahrener Straßen - keine Chance, schnell noch rüberzueilen.

Auch unsere Reaktion - stellen wir uns vor, wir sitzen auf dem Rad - ist leicht auszumalen: Wir fluchen, murren oder seufzen zumindest. In irgendeiner Weise reagieren wir also mit Unmut. Eine rote Ampel, vor allem, wenn sie direkt vor einem umspringt, empfindet so ziemlich jede und jeder als Ärgernis, als definitiv negativ.

Aber warum eigentlich?

Rotphasen schenken uns Pausen, sie bringen uns zum Innehalten und Luftholen und niemand - keine Vorgesetzte oder andere Autoritätsperson - kann uns diese Pause nehmen. Die rote Ampel ist eine höhere Macht; sie schenkt uns Augenblicke der Ruhe  - in einer technisierten säkularen Welt.

Warum können viele Menschen Ampeln nicht auf diese Weise betrachten? Warum haben rote Ampeln solch ein schlechtes Image? Warum können wir Pausen nicht einfach annehmen?

Natürlich, wenn wir es wirklich eilig haben und z.B. Gefahr laufen, einen Zug zu verpassen, ist jede erzwungene Pause unwillkommen. Aber nicht jede, die vor roten Ampeln murrt, ist wirklich dermaßen in Eile.

Oder doch? Ist die Eile so stark internalisiert, dass wir eine Pause nur noch als Störung empfinden? Wir hasten durch ein Leben, das von Aktivität und Vorwärtsstreben gekennzeichnet ist. Eine rote Ampel bedeutet Stillstand. Eine leere Pause, mit nichts gefüllt. Sie erscheint sinnlos, unnütz und wertlos. Sie ist unökonomisch und hindert uns daran vorwärtszukommen. Sie ist zu kurz, um irgendetwas "zu tun". Sie ist reines Warten. Und genau das ist so schwer auszuhalten. Denn wo sonst - wenn nicht vor einer roten Ampel - warten wir überhaupt noch?
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