#fürchterlich oder Welche Richtschnur hilft bei moralischen Entscheidungen?

 

Meine Heizung funktioniert nicht richtig. Das verärgert mich, denn es passiert jeden Winter und derzeit tendieren die Minusgrade selbst im Rheinland hin zur Zweistelligkeit. Ich könnte mich jetzt emotional aufregen, mit Unfairness hantieren, weil der Vermieter nicht einfach mal Geld in die Hand nimmt uönd den gesamten Heizkörper austauschen lässt, zumal es seit vier Jahren jeden Winter dasselbe Problem gibt. Ich könnte mich darüber auch medial öffentlich in 160 Zeichen aufregen und mit dem Hashtag fürchterlich versehen. All dies wäre in gewissen Maßen eine nachvollziehbare Reaktion, die auf emotionalen Regungen basiert, wie sie wahrscheinlich viele von uns nachvollziehen können und auch schon einmal in ähnlicher Form erlebt haben.

 

Diese Erfahrungen geben uns auch eine Leitlinie im Umgang mit derartigen oder andersartigen Problemen, denen wir uns stellen müssen oder wollen. Intuitiv handeln wir manchmal so, wie wir es schon einmal getan haben oder was unser Bauchgefühl uns mitteilt oder auch was wir bei Verwandten, Freunden, Vorbildern aus Politik, Medien, Hollywood oder auch Charakteren aus Literatur, Film, Fernsehen mitbekommen und gelernt haben. Dieses Vorgehen, basierend auf eigenen Erfahrungen oder Erfahrungen anderer sowie auf unserem Gefühl, möchte ich auch nicht per se in Frage stellen. Bei vielen praktischen Problematiken ist diese Vorgehensweise durchaus hilfreich.

 

Sie ist aber, auch das mag jede/r von uns kennen, keine hilfreiche Leitlinie, wenn wir beispielsweise emotional stark aufgebracht sind oder uns in einem Dilemma befinden. Ein hilfreiches Beispiel mag da ein Streit mit dem/der Liebsten sein. Wir sind emotional aufgewühlt, fühlen uns möglicherweise unfair behandelt und entscheiden uns dann nach Bauchgefühl. Dieses ist vielleicht aufgrund unserer gegenwärtigen Verletzung nicht ganz klar, sondern durch das Gefühl der Unfairness, dem Wunsch uns zu verteidigen, uns zu rechtfertigen verzerrt. Auch das mag jede/r von uns kennen, wenn man in einem hitzigen Streit die Szenerie verlässt, die Emotion bei einem Spaziergang, einer sportlichen Betätigung, einem Konzertbesuch beispielsweise abkühlen lässt, kommt man manchmal zu ganz anderen Erkenntnissen. Diese entwickeln sich manchmal ebenfalls durch neu erlebte Emotionen. Es zeigt aber, dass die aufgezeigte Leitlinie bei gewissen Entscheidungen nicht allgemeingültig funktioniert. Erst recht nicht, wenn sie nicht einmal für dieselbe Person in unterschiedlichen Situationen dieselbe Gültigkeit besitzt.

 

Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass sich die Emotion, das Gefühl oder das reine Handeln nach Erfahrungen und Gelerntem nicht als die sinnvollste Richtschnur bei schwierigeren Problemen anbietet. Was also ist eine andere Möglichkeit, ein konkretes Problem praktischer oder geistiger, moralischer Art zu lösen? Wir setzen unseren Verstand ein. Und wie tun wir dies? Denn die reine Aufforderung, der Imperativ ‚Setz deinen Verstand ein’, ist praktisch nicht hilfreich. Es gibt bereits eine Richtschnur, oder Maxime, die Immanuel Kant vor einigen Jahrhunderten aufgestellt hat, die hier weiterhilft, der gemeinhin bekannte ‚kategorische Imperativ’: „Ich soll niemals anders verfahren, als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.“

 

Wenn ich also in einer emotional aufgebrachten Situation denke, und das vielleicht auch durchaus nachvollziehbar ist, dass ein politisch machtvoller, aber weltpolitisch gesehen sehr gefährlicher Mann, der das Potential hat, die Demokratie nicht zu erweitern, sondern zu gefährden und gar das Potential hat, einen oder den technisch möglichen Atomkrieg hervorzurufen, von der politischen Bildfläche verschwinden sollte, kann ich dennoch nicht wollen, dass politisch motivierte Attentate allgemeines Gesetz werden.

 

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