Langeweile

Wann war mir das letzte Mal langweilig? Ich meine, so richtig langweilig. Nicht das müde Desinteresse, das ich bei schlechten Vorträgen oder albernen Kinderserien empfinde. Nein, ich meine eine gähnende, bodenlose Langeweile, einen quälenden Zustand von nicht-wissen-was-tun, Zeit haben ohne zu wissen, womit man sie füllen soll – richtig fiese, schlimme Langeweile. Ich glaube, auf diese Weise langweilig war mir das letzte Mal als Kind. Als Kind, z.B. wenn es regnete und ich nicht draußen spielen durfte. Wenn die beste Freundin krank und die kleine Schwester doof war und ich mich alleine beschäftigen musste. Wenn wir zu Besuch bei Verwandten waren und wir nach dem Essen am Tisch sitzen bleiben mussten und sich die Erwachsenen einfach nur unterhielten (reden – wie langweilig!). 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Zustand seit mindestens zehn Jahren einfach nicht mehr habe. Wenn ich jetzt beispielsweise in besagten langweiligen Vorträgen sitze, dann checke ich entweder meine Mails oder (wenn mir das dann doch zu unhöflich ist) mache ich zumindest gedanklich Pläne für die nächsten Termine/Projekte/Gespräche. Während ich auf Bus oder Bahn warte, vertreibe ich mir die Zeit mit Distanzkommunikation: Mail, SMS, auch mal telefonieren – was eben so anfällt. (Und bei aller Medienkritik darf man nicht vergessen, dass das Smartphone die Zigarette ersetzt!)

Das eigentliche Gefühl von Langeweile gibt es nicht mehr. Die als Kind so endgültig empfundene Leere ist nicht mehr existent, da sie ununterbrochen gefüllt wird mit (gedanklicher) Aktivität. Wir lassen die Langeweile nicht zu, sondern stopfen sie mit Sinnlosigkeiten und Banalitäten voll, um der Leere nicht mehr begegnen zu müssen. Wir fliehen vor dem Nichts-Tun und sind dabei permanent gehetzt. Wir haben nie Zeit und tun doch selbst alles dafür, dass wir uns bloß nie mit zu viel freier Zeit auseinandersetzen müssen. Ein freier Tag? Herrlich – der wird sofort „genutzt“, um aufzuräumen, Menschen zu treffen, Dinge abzuarbeiten und zu erledigen. Eine freie Minute? Reicht doch super aus, um schnell eine Nachricht zu verschicken.

Wir wollen nichts so sehr, wie mehr Zeit, aber gleichzeitig tun wir alles, um die Zeit nicht zu spüren. Langeweile – das „Problem“ haben wir nicht mehr, wir haben großartig gelernt uns die Zeit zu vertreiben.

Nicht zuletzt durch neue Medien per se ist unser Leben sehr schnell geworden. Schnell ist die Email verschickt und braucht nicht wie ein Brief per Post ein paar Tage. Schnell lernt man neue Leute kennen durch soziale Netzwerke und bekommt direkt zahlreiche Informationen über sie via Internet heraus und benötigt nicht zwingend längere Gespräche, auf die man warten muss bis sie stattfinden. 

Auch in der Arbeitswelt wird erwartet, dass wir immer schneller und effizienter, am besten mit immer weniger Ressourcen und für weniger Geld bessere Produkte, bessere Leistungen erbringen. 

Interessanterweise benötigen viele Menschen immer mehr Zeit, um eine Familie zu gründen. Sie benötigen mehr Zeit, um „sich selbst zu finden“.

Warum nicht Zeiten in den Alltag, in den Arbeitsalltag sowie in die alltägliche Freizeit, einbauen, die explizit dafür da sind, Langeweile zu spüren? Wobei ich dieses Wort nicht präzise genug finde. Denn sich mit sich selbst zu beschäftigen, gedanklich, mit Ruhe und Muße, ist schwierig und meines Erachtens alles andere als langweilig. Es ist nur eben nicht ständig mit neuen Eindrücken verbunden, die man aufnimmt und manchmal, weil direkt wieder neue Eindrücke oder Nachrichten einfliegen, nicht verarbeitet oder verarbeiten vermag. 

In den Zeiten, in denen man für sich ist, zum Beispiel im Zug -ohne Handy, Zeitung, Buch, Gesprächen, an denen man aktiv teilnimmt- oder bei sich zu Hause mit Blick aus dem Fenster, hat man aktiv die Zeit, das Erlebte sein zu lassen, mit sich zu sein. Dann fließen die Gedanken, dann kommen die Gefühle und dann kann etwas Wichtiges entstehen, Erkenntnis und Kreation.  Dann fällt einem auf, was wirklich wichtig ist. Und sei es dann die Erkenntnis , dass man auf eine „Langeweile-Tagung“ -diese gibt es tatsächlich- gehen möchte und als Key Note einen Vortrag mit dem Thema „Den Staubmäusen beim Wachsen zuschauen“ hält. Selbstbeschäftigung 1.0. 

Wir bulben.
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