Streit.kultur

Fast jeden Morgen fahre ich in einem so vollen Zug, der bestimmt doppelt so viele Passagiere wie Plätze hat, zur Arbeit. Und bestimmt die Hälfte dieser Bahnfahrenden schreibt in ihrem Smartphone. Wie viele von diesen streiten sich wohl gerade mit Jemandem auf diese schriftliche, digitale Art und Weise und sind trotzdem live mucksmäuschen still?

Weil wir ständig von Worten – durch die Medien, durch die Apps unserer Smartphones – umgeben sind, ist häufig bereits ein Wort zu viel und bringt das Fass, den Kopf, zum überlaufen. Wie häufig reagieren Menschen dann über, verstehen eine Nachricht, erst recht eine schriftliche, falsch und reagieren durch Nicht-reagieren oder passive Aggression?

Ist das vielleicht verstärkt, weil Streit nun auch per Whatsapp ausgeführt und gelebt wird?

Ist nämlich nicht ein lauter, heftiger Streit live nach wie vor nicht nur schneller und heftiger, sondern auch bereinigend? Und zwar nicht nur auf der emotionalen Ebene, sondern auch aufgrund der Ehrlichkeit. Die Karten liegen dann offen auf dem Tisch und man weiß, was Respekt für sich selbst, was die Sache und was der Andere einem bedeutet.

Streit reinigt und wirft um. Er bringt etwas Chaos in die Ordnung und hinterfragt.

Smartphones hingegen speichern die gesamte Kommunikation, sei es Smalltalk und auch Steit.

Aber ist es nicht wichtig, dass Streit, in dem auch hitzige Diskussionen möglich und manchmal auch böse Worte nötig sind, flüchtig bleibt?

Ist nicht Streit verwoben mit Liebe im Sinne von Passion? Ist einem nicht die Sache und/oder die Person die Energie wert, zu hinterfragen, Energie auszutauschen?

Natürlich muss man diese ausgepowerte Energie danach wieder –irgendwie- aufladen. 

Aber kennen wir dieses Procedere nicht schon von unseren Smartphones?
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