Was ist Heimat?

Was ist Heimat?

Nun merke ich zum ersten Mal seit meiner Wiederankunft in Deutschland vor elf Monaten, ich habe kein Zuhause. Das muss ich mir erst wieder erschaffen. Aber die Heimat, die hab ich, und zwar nicht nur eine.


Was sind deine Heimaten?

Meine ursprüngliche Heimat ist das Ruhrgebiet: dort geboren, dort aufgewachsen, das erste Verlieben, den ersten Kater, die ersten und zum Teil noch immer währenden besten Freundschaften, die Wurzeln. Die zweite Heimat ist Münster: dort sechs Jahre studiert, zum ersten Mal ohne Eltern gewohnt, Fahrradfahren überallhin. Meine dritte Heimat ist Seattle: meine Lebenserfahrung im Ausland und das für drei Jahre, die erste große Liebe, Kaffeekultur und Freiheit. Und vielleicht wird Köln, bzw. das Rheinland meine fünfte Heimat: ganz alleine wohnen und mein erstes Zuhause nach den USA, die kölsche Lebensart und Frohsinn.


Was aber macht diese zufälligen Lebensetappen zu einer Heimat?

Das Gefühl von Heimat ist ein höchst individuelles. Es ist etwas Bekanntes, Vertrautes, es sind vor allem alltägliche Dinge. Und gerade deshalb können auch mehrere Heimaten in meiner Brust schlagen.


 
Was ist Heimat?

Heimat ist immer da, wo ich nicht bin. Bin ich hier, ist es der Ort meiner Kindheit, bin ich am Ort meiner Kindheit, ist es hier.


Woran machst du das aus?

An dem, was ich vermisse. Dem Vermissten kann man nostalgisch begegnen, kann es verklären – es ist nicht da und es ist vergangen. Bin ich hier, vermisse ich vor allem die Landschaft, das Wetter, die Sprache dort. Bin ich dort, vermisse ich die Landschaft, das Wetter, die Sprache hier. Es sind die gleichen Dinge, die fehlen, wenn sie abwesend sind, nach denen man Sehnsucht hat. Heimat ist ein Sehnsuchtsort. Ein Ort, der nicht existiert, weil er alles das repräsentiert, das gerade nicht da ist.


Also gibt es keine Heimat?

Doch, natürlich – nur nicht als reellen Ort.
Druckversion Druckversion | Sitemap
© we bulb