Das schiefe Lächeln - eine Literaturkritik

Es ist immer der männliche Held. Der neue Prinz. Unnahbar zunächst, unerreichbar für die Prinzessin. Aber ein klasse Typ – er ist zumindest stark und sieht super aus, verfügt in vielen Fällen aber auch über die ein oder andere Superkraft. Jedes Mädchen will genau ihn haben. Doch natürlich bekommt ihn nur die Prinzessin.

Irgendwann, nach diversen Irrungen und Wirrungen, Missverständnissen und viel Reflexion über „was ist eigentlich gut für dich“. Letztendlich kriegt sie ihn. Sie gehören zusammen und er schenkt ihr ein Lächeln. Und dieses Lächeln ist schief.

Schief. Ausgerechnet! Wie sieht das denn überhaupt aus? Wie muss man sich ein schiefes Lächeln vorstellen? Geht nur ein Mundwinkel nach oben? Oder nach unten? Oder geht einer nach oben, der andere nach unten? Oder handelt es sich um ein traditionelles – beide Mundwinkel nach oben – Lächeln mit einem Knick irgendwo? Hängt die Unterlippe herunter? Wird sie vor die Oberlippe geschoben? Wird die Oberlippe schief hochgezogen? 

Wie genau wird schief gelächelt? Und wie schafft man es dabei noch unheimlich gut auszusehen? So wie der junge Held, der mit genau diesem schiefen Lächeln regelmäßig die Prinzessin betört. Mit dieser Frage kommen wir nun von der Form (die wir nicht wirklich kennen) zur Funktion: Welche Bedeutung hat das schiefe Lächeln? 

Zunächst hat es was von einem Alleinstellungsmerkmal. Nicht innerhalb des Genres, da hat es jeder junge Held, aber innerhalb der Geschichte. Im Ensemble der Haupt- und Nebendarsteller hebt ihn das schiefe Lächeln von den anderen männlichen Darstellern im heiratsfähigen Alter ab. Es sticht heraus und es ist etwas, das die Prinzessin liebt.

Aber warum schief, warum nicht einfach besonders strahlend oder mit besonders viel Zähnen? Soll es vielleicht zeigen, dass auch der Held nicht perfekt ist? Obwohl sonst alles an ihm überirdisch erscheint, ist doch zumindest sein Lächeln nicht makellos. Oder muss man das schiefe Lächeln mit anderen Arten des Lächelns vergleichen und eine Kontextanalyse durchführen? Vielleicht würde sich zeigen, dass schief nur bei moralisch fragwürdigen Witzen gelächelt wird. Oder bei Dingen, die dem Prinzen peinlich sind (z.B. „‘oh, ich hab gepupst‘, sagte er und setzte sein wunderbares schiefes Lächeln auf, das ich so an ihm liebte.“).

Aber das liegt (noch) im Bereich der Spekulation. Festzuhalten bleibt: Schief Lächeln kann nicht jeder, das kann nur der Prinz – und daran erkennen wir, wer am Ende die Prinzessin kriegt.
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