Milchmädchenrechnung

Gestern war ich bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen in Molieres „Der eingebildete Kranke“, gespielt vom Theater Paris. Großartiges Stück, fantastisch gespielt. Aber darum soll es hier heute gar nicht gehen. An die Geschichte anknüpfend, möchte ich die „große Frage“ des Stückes aufwerfen: Heilt die Medizin oder macht sie gar kränker? In „Der eingebildete Kranke“ macht sie, für den Zuschauer und für alle die Hauptfigur, den eingebildeten Kranken, umgebenden Mitspieler offensichtlich, krank, oder mindestens kränker. Wirft der reiche Narr doch Geld zum Fenster heraus, nur um jeden Tag unterschiedlichste Pillen zu schlucken, Untersuchungen zu bekommen und sich zu heilen. Aber fühlt er sich besser oder gar gut?

Augenscheinlich ist, dass er –durch seine vermeintlichen Krankheiten legitimiert- schlichtweg stark um Aufmerksamkeit buhlt. Um seine eigene Aufmerksamkeit; er kümmert sich um nichts anderes als sein Wohlbefinden, ist aber nie zufrieden oder gar glücklich. Seine Frau, seine Kinder, seine Haushaltshilfe, sie alle fragt er ständig nach seiner Befindlichkeit und verneinen diese seine Krankheit, so ist er erzürnt. Natürlich ist Molieres eingebildeter Kranker auch tatsächlich krank – aber weniger physisch als psychisch. Auch das gehört zu Molieres Kritik, neben der offensichtlichen Kritik am Medizinertum, die scharlatanhaft für viel Geld in ihren tollen Roben nur mit Pillen und hochtrabenden lateinischen und altgriechischen Ausdrücken um sich werfen. Es wird nicht nach den ursprünglichen Ursachen, die verantwortlich für das Unwohlsein sind, gesucht, sondern es werden ausschließlich die –bei Molieres eingebildetem Kranken wirklich nur eingebildeten- Symptome geheilt. 

Nun ist das Stück Molieres fast 350 Jahre alt, die Kritik am Medizinertum, am blinden Folgen von freskenhaften Krankheiten ist aktuell. Die gesamte Ernährungsindustrie verdient gegenwärtig daran, wie Molieres Doktor, ihr täglich glutenfreies Brot. Keine Frage, natürlich haben einige Körper Intoleranzen, aber es fällt dennoch auf, dass seit Bekanntwerden der Begriffe, seitdem die Krankheiten einen Namen haben, diese aus dem Boden sprießen. Und ich nehme mich hier nicht aus. Aber wäre es nicht eine gute Idee, wenn ich demnächst merke, uh, da drückt was, nicht direkt die Symptome zu bekämpfen, sondern mich erst einmal zu fragen, was mein Körper mir sagen möchte? Fehlt ihm gerade vielleicht wichtige Aufmerksamkeit, die ich ihm, zehn Stunden am Schreibtisch beim anstrengenden Job sitzend, nicht gebe? Fehlt frische Luft, lachen, Kind sein, Stress nicht mehr kennen? Dann ab dafür. Leben anders leben. Tiefer fragen. Und nicht nur die Milch weglassen.
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