Das Unbehagen in der Social Media Kultur

Wenn Freud in Das Unbehagen in der Kultur über die Gesellschaft sagt: „Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen“ komme ich nicht davon ab, an die Aktualität dieses Abhandlungsbeginnes in der heutigen Social Media Kultur anzuknüpfen.

Ich will weder werten noch abwerten, wenn ich sage, dass im wahrsten Sinn mit Leib und Seele bei den unterschiedlichen Plattformen geposted, getwittert, kontaktet, selbst-dargestellt wird. Was mir bei einigen aktiven Charakteren im Sozialen Netz ausgesprochen gefällt, und jetzt werte ich doch ein bisschen, ist der Anspruch, andere Menschen, ob fremd oder bekannt, zu unterhalten und deren Leben zu bereichern, sei es mit bloßen lustigen Anekdoten oder aus mal mehr, mal weniger politischen Antrieben. Das direkte Gegenteil ist die bloße Selbstdarstellung, die Ausweitung des sogenannten Klassen-Clowns, die Selbstverherrlichung des Ichs, ohne jegliche kritische Hinterfragung seines Selbst und seiner Umgebung.

In einigen Feuilletons unserer westlichen Zeitungswelt ist bereits die Forderung eines Internet-Regelwerkes aufgetreten. Das Dilemma meiner Meinung nach ist Folgendes: Das Internet, und gerade das sieht man ja in stetig wachsendem Ausmaß auch an mehr oder weniger politischen Helden wie Julian Assange oder Edward Snowden, ist ein Instrument, ein Werkzeug, das relativ freie Kommunikation ermöglicht. Auch wenn diese von Geheimdiensten überwacht wird, wird so viel produziert, dass eine vollkommende Kenntnis nahezu unmöglich ist. Diese Freiheit möchte man nicht allzu leicht einschränken. Wo findet sich so etwas denn sonst noch? Wenn Freiheit allerdings in absolute Grenzenlosigkeit ausartet und kritisches Denken gar behindert, wäre es nicht wünschenswert, es gäbe beispielsweise einen Lehrplan in Schulen zum Umgang mit Kommunikation in den Sozialen Medien?

Oder eine Frage aufgrund eines mehr persönlichen Unwohlseins: Wie kann ich es schaffen, mein eigenes Unbehagen bei der Zurschaustellung meines Selbst, beispielsweise bei facebook, abzulegen und die Vorzüge der Social Media, die Vernetzung mit – teilweise unbekannten – Gleichgesinnten weltweit genießen? Das kritische Hinterfragen darf also weder in Vergessenheit geraten, noch sollte es eine notwendige Bedingung sein und den Spaß des Ganzen zu sehr minimieren.

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