Das Leben könnte so einfach sein

Ist wirklich alles immer so schlimm? – Warum die größte Furie im Film “August: Osage County”, Violet Weston, gespielt von Meryl Streep, zwar eine tragische Figur ist, aber dennoch, mindestens kurzweilig, das Wichtigste im Leben hatte.

Die schwarze Tragik-Komödie, bei der man weniger aus vollem Herzen als vielmehr vor Schreck laut auflacht, hinterlässt das Gefühl, dass man so nicht enden möchte. Dennoch gibt es einen Moment, bei dem sehr deutlich wird, dass die tragische, zerbrochene Hauptfigur Violet einst das wahre Glück, die wahre Liebe hatte. Die von ihrem suizidalen Mann verlassene Violet zieht nach der Beerdigung ein Buch ihres verstorbenen Dichter-Ehemannes mit einer Widmung für sie hervor: Dedicated to my Violet. 

In diesem winzigen, in der Tragik des Filmes fast untergehenden Moment wird deutlich, dass Violet Eines bekommen hat, was nicht jeder im Leben erleben darf: wahre Liebe. Ausgesprochen und verewigt findet diese sich in dieser bedeutungsstarken Widmung. Ihrem Mann, dem Dichter, sind Bücher und Worte heilig, wie er selbst sagt. Sein eigenes publiziertes Werk einem anderen Menschen zu widmen, hat folglich eine hohe Bedeutung. Gerade weil diese Widmung nicht mit dem possessiven Ausdruck „my Violet“ beginnt, sondern mit dem Verb „dedicated“, vermittelt diese Liebesbekundung keine Besitzergreifung, sondern eine tiefe Verbundenheit. Violet aber beweist im Film, dass sie das gar nicht (mehr) sieht und spürt.  

Natürlich ist es nur menschlich, in tragischen, zweifelnden Phasen diejenigen Glücksmomente, Liebesmomente der Vergangenheit nicht mehr so präsent empfinden zu können. Aber ist es nicht viel mehr wert, so etwas überhaupt einmal erlebt und gespürt zu haben, auch wenn es im Nachhinein nicht mehr gegenwärtig ist, als so etwas nie erlebt zu haben? Warum ist es so schwierig, über etwas einmal Dagewesenes glücklich zu sein? Und warum betrauern wir vielmehr den Verlust dieses Erlebnisses, als uns zu freuen, dass wir das einmal erleben durften? Nicht jeder von uns kann von sich behaupten, so ein Geschenk schon einmal erhalten zu haben. Genau das aber ist Lebenskunst: zu akzeptieren, dass alles endlich ist und das Erlebte zu genießen.

Somit ist jede der tragischen Figuren in “August: Osage County” gerade so kaputt, weil sie genau diese Dankbarkeit für das in der Vergangenheit erfahrene und nun „verlorene“ Glück nicht (mehr) spüren. Es wäre so einfach, glücklich zu sein, würde man sich nicht selbst im Wege stehen. Und so sieht Violet den vielleicht größten Liebesbeweis vor dem Selbsttod ihres Mannes nicht: Ihr Mann will sein, wie er empfindet, zu langes Leben beenden und besorgt ihr vorher noch eine Hausfrau, die sich um seine krebskranke Frau mit Liebe kümmern soll, um die Nahrungsversorgung, den Haushalt und auch die Fahrten zum Krankenhaus. Er sorgt sich um seine Frau, weil er weiß, dass er es zukünftig nicht mehr kann.

Zudem hinterlässt er ihr vor seiner Flucht eine Nachricht mit der Bitte, ihn anzurufen. Sie gibt diesem Wunsch keine direkte Aufmerksamkeit. Später sagt sie dazu: “Hätte ich nur alle Sinne beisammen gehabt” und zeigt damit einen kurzen, nicht von Drogen geprägten oder von Egozentrismus gesteuerten, sondern hellen Moment. Und hätte sie ihrem Mann nur ihren ständig auf Platte laufenden Lieblingssong “Lay down Sally” von Eric Clapton vorgespielt: “I know you’ve got somewhere to go, But won’t you make yourself at home and stay with me? […] Love is all that matters. Won’t you stay with me?”

Mir scheint, dass genau das wichtig im Leben ist: offen für Liebeshandlungen zu sein, auch oder gerade wenn man von den liebsten Menschen zuvor enttäuscht worden ist. Das Leben könnte so einfach sein.
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