Vom Sterben der Friedhöfe

Früher war eben doch alles besser. Jedenfalls was Friedhöfe betrifft. Sie hatten ihre feste Rolle in jedem Grusel-Horror-Fantasy-Streifen als angstbesetzter Anti-Ort. Von dort aus ging das Grausen aus: Das Ende des menschlichen Lebens in einer dunklen Symbiose mit dem Beginn jeden untoten Daseins. Sie alle wurden dort „geboren“ und hausten zwischen den Gräbern: Geister, Vampire, Zombies und viele andere, unbekanntere Dämonen und Monster, die unserem jeweiligen Trend für die dunkle Seite der Fantasie entsprachen. Und wenn gerade kein Friedhof in der Nähe war, dann wurde das dazugehörige Mobiliar eben mit ins Schloss oder Penthaus genommen – denn aus welchem Grund, wenn nicht gruseliger Friedhofssymbolik, schlief Dracula in einem Sarg? Lichtdicht ging es doch auch komfortabler.

Aber der Friedhof war eben nicht von Monstern zu trennen und das bis in die 1990er Jahre hinein. Auch Buffy jagte noch bevorzugt auf Friedhöfen, nachts und meist allein. Irgendwo dort befand sich schließlich der Höllenschlund und spuckte in beruhigender Regelmäßigkeit acht Staffeln lang diverse Ungeheuer aus.

Doch seither zeichnet sich in einem schleichenden Prozess der Untergang der Friedhöfe ab: Sie verlieren ihre Bedeutung, verschwinden entweder ganz oder werden maximal umgedeutet (bei Trueblood gelangt man von einem Friedhof ins Feenreich – also ehrlich!). Bei den neuen Vampiren mag diese Entwicklung ja noch verständlich sein – sie sind schließlich nicht mehr böse und gruselig. Vampire, die sich von Wildkatzen ernähren und keinen Sex vor der Ehe haben, haben mit Friedhöfen natürlich nichts am Hut. Sie lustwandeln in grünen Wäldern und auf blühenden Wiesen und ihre Wandlung findet im klinischen OP-Ambiente statt, inmitten all ihrer Lieben. 

Was die neuen Zombies angeht, so ist der friedhofslose Trend jedoch nicht so einfach nachzuvollziehen. Schließlich sind diese seelenlosen Untoten nach wie vor böse. Doch seit Zombies nicht mehr von bösen Hexenmeistern beschworen, sondern von anderen Zombies infiziert werden, verlieren auch hier die Friedhöfe als dunkel-magische Orte der Verwandlung ihre Bedeutung. Dadurch wird der Schrecken natürlich ein ungleich größerer: Heutzutage kann es jeden treffen, immer und überall, die Gefahr hat ihren Ursprung nicht mehr in einem einzigen Ort, sondern ist multilokal. Dies ist mit ein Grund für die dumpfe Hoffnungslosigkeit, von der die versprengten menschlichen Kolonien in den Endzeit-Geschichten befallen sind. Die Toten bevölkern die Welt – Friedhöfe gibt es nicht mehr. 

Und so beklagen wir das Ende der Friedhöfe als ein Ende der Hoffnung: Obwohl düster und gruselig, ein Ort des Schreckens und der Angst, so ist er letztlich doch ein einzelner Ort – schön abgetrennt durch eine Mauer, die das Böse meist von uns fernhält. Ein Ort, der uns anzieht und gleichzeitig abstößt – romantisch und schaurig, düster in seiner Schönheit.
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